VERAH Andrea Schreiter aus Pforzheim entlastet ihren Chef Dr. Peter Engeser durch die Übernahme von Routinehausbesuchen.

“Es erfüllt mich, wenn ich etwas tun kann”

Durch Zufall wird Dr. Hans-Jörg Wertenauer plötzlich Pandemiebeauftragter für die Stadt Stuttgart, baut die Fieberambulanz und das Testzentrum in Bad Cannstatt mit auf. Der hausärztliche Internist und MEDI-Arzt mit vier Praxen in und um Stuttgart sieht in dieser Aufgabe eine Herausforderung, aber auch eine große moralische Verpflichtung.

MEDI: Sie spielen eine ganz zentrale Rolle im Kampf gegen Corona in Stuttgart. Wie kam es dazu?

Wertenauer: Gleich zu Beginn der Pandemie wollte ich zwei meiner Praxen am Wochenende öffnen und dazu eine Honorarärztin einstellen, um Infektpatienten zu behandeln. Wir nannten das damals noch „Grippe-Sprechstunde“, weil wir das Wort „Corona“ nicht nennen wollten. Ich schrieb Sonntagabend um 21:30 Uhr eine E-Mail an den KV-Vorstand und nach fünf Minuten hatte ich die positive Antwort.

MEDI: Wie ging es dann weiter?

Wertenauer: Parallel sollte die Fieberambulanz des DRK aus dem Reitstadion in die Jugendherberge nach Bad Cannstatt umziehen, damit die Leute nicht mehr in der Kälte stehen. Ich wurde von der KV gefragt, ob ich die Organisation übernehmen könnte. Fünf Tage nach diesem Anruf habe ich gemeinsam mit einem schlagkräftigen Team die neue Fieberambulanz eröffnet – mit einem funktionierenden EDV-System und einem Team von Ärzten, die im ersten Lockdown wenig zu tun hatten. Wir haben mit Stadt, Gesundheitsamt und KV großartig zusammengearbeitet.

MEDI: Damit war es aber noch nicht genug. Im Herbst organisierten Sie dann das große Corona-Testzentrum auf dem Cannstatter Wasen.

Wertenauer: Ja, wir wollten die Fieberambulanz und das reine Abstrichzentrum für Menschen, die nicht ärztlich untersucht werden müssen, trennen. Aktuell arbeiten wir auf dem Wasen mit einem Team von rund 100 Mitarbeitern – darunter überwiegend Studenten. Wir führen zwischen 700 und 1.400 Corona-Tests am Tag durch.

MEDI: Was ist Ihre Aufgabe? Wie sieht Ihr Tag aus?

Wertenauer: Ich arbeite immer noch viel in der Sprechstunde. Parallel organisiere und plane ich, telefoniere und schreibe E-Mails. Ich fahre regelmäßig zum Testzentrum, halte Teambesprechungen und gebe Schulungen. Wir haben sehr viele fachfremde Studenten, die wir genau einweisen müssen. Das ist ein super Team vor Ort. Ich bin beeindruckt, wie engagiert sie mitarbeiten. Sie werden in die Prozesse eingebunden und machen sich viele Gedanken, wie wir Abläufe noch effizienter gestalten können.

MEDI: Was treibt Sie an?

Wertenauer: Ich wurde gefragt und habe mich auch moralisch verpflichtet gefühlt. Ich bin ja nicht der Einzige, der gerade viel zu tun hat. Gerade wir Hausärzte stehen im Fokus. Wir müssen uns um unsere Patienten kümmern. Wir haben so eine Krise noch nie erlebt. Aber es erfüllt mich auch, wenn ich etwas tun kann.

MEDI: Erfahren Praxen in der Coronakrise zu wenig Wertschätzung im Alltag?

Wertenauer: Wir Hausärzte sind in der Bevölkerung sehr angesehen. MFA haben es eher mit mangelnder Wertschätzung zu tun. Sie sind häufig Beschimpfungen von Patienten ausgesetzt, aber sobald der Arzt in der Nähe ist, sind die Patienten lammfromm. Ich finde es gut, dass MEDI sich auch als Organisation für die MFA sieht und sich für diese Berufsgruppe engagiert. Diesen Weg sollte MEDI unbedingt fortsetzen.

MEDI: Sie sind auch MEDI-Mitglied. Wie wichtig ist es für Sie, sich zu vernetzen und gemeinsame Interesse durchzusetzen?

Wertenauer: Ich nehme seit über zehn Jahren an der HZV teil, seit dieser Zeit bin ich auch MEDI-Mitglied. Die HZV ist ein gutes Beispiel, wie Regelungen und Abrechnungen vereinfacht werden können. Es ist gut, wenn man nicht alles neu erfinden muss, wofür andere schon ein Erfolgsrezept entwickelt haben. Es ist auch wichtig, dass unsere Interessen Gehör finden, dass die Bedeutung der Hausärzte maßvoll ins rechte Licht gerückt wird.

Hilfreich finde ich, dass MEDI uns in organisatorischen Abläufen und mit einem wunderbaren Abrechnungssystem unterstützt. Unsere Arbeit muss einfacher gestaltet werden, damit wir effizienter arbeiten können und andererseits – bei der zunehmend ärmer werdenden Bevölkerung – die Kosten der Solidargemeinschaft nicht aus dem Ruder laufen.

Tanja Reiners

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