VERAH Andrea Schreiter aus Pforzheim entlastet ihren Chef Dr. Peter Engeser durch die Übernahme von Routinehausbesuchen.

AOK-Hausarztvertrag: Besserer Grippeschutz für Ältere und andere Vorteile

Die vierte Evaluation des Vertrags zur Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) bestätigt erneut eine umfassend bessere Versorgungssteuerung für die aktuell 1,73 Millionen teilnehmenden AOK-Versicherten im Südwesten. Wissenschaftler der Universitäten Heidelberg und Frankfurt/Main belegen unter anderem bei 400.000 HZV-Versicherten über 65 Jahre eine deutliche Zunahme an Influenzaimpfungen.

So lag deren Impfquote um fünf Prozentpunkte höher als in einer Vergleichsgruppe der Regelversorgung: Das entspricht einem Mehr an Impfungen von 20.800. Im Jahr 2018 sind in derselben Gruppe außerdem rund 7.500 riskante Arzneimittelverordnungen weniger zu verzeichnen. Speziell bei chronisch Kranken werden die Vorteile stetig größer, wie Analysen über acht Jahre hinweg zeigen (2011 bis 2018). So bleiben den 119.000 Diabetikern in der HZV 12.800 schwerwiegende Komplikation wie Amputationen oder Herzinfarkte erspart.

Besser koordinierte und intensivere Versorgung
Die Wissenschaftler führen die Vorteile auf die besser koordinierte und intensivere Versorgung durch den Hausarzt zurück. In der HZV liegen zum Beispiel die unkoordinierten Facharztkontakte ohne Überweisung jährlich rund 1,4 Mio. niedriger. Und rund 2,4 Millionen hausärztliche Kontakte mehr pro Jahr belegen die erhöhte Betreuungsintensität der HZV-Patienten. Derzeit nehmen circa 5.100 Haus- und Kinderärzte an der Versorgung teil.

Prof. Dr. Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg betont: „Im Rahmen der HZV-Evaluation zeigt sich bei der Längsschnittbetrachtung fast aller Indikatoren, dass die Qualitätsunterschiede zugunsten der HZV-Versicherten über die Jahre bestehen bleiben und in einigen Fällen sogar weiter ausgebaut werden. In der aktuellen Evaluation konnte zudem anhand eines international validierten Modells gezeigt werden, dass sich die HZV positiv auf die Versorgungskontinuität auswirkt, was unter anderem zu besseren Outcomes im stationären Sektor beiträgt.“

Im Zusammenspiel mit mittlerweile zwölf Facharztverträgen verbessere sich die Versorgung weiter, so Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt/Main: „Die AOK Baden-Württemberg nimmt gemeinsam mit den ärztlichen Vertragspartnern bundesweit eine Vorbild- und Pionierfunktion in punkto HZV ein. Und sie hat die ambulante Facharztebene einbezogen und deren Verzahnung mit der hausärztlichen Versorgung konsequent ausgebaut. Durch die optimierte Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten in Baden-Württemberg scheinen bereits einige typische Fehlentwicklungen korrigiert worden zu sein. So zeigen unsere Ergebnisse bei HZV-Patienten mit koronaren Herzerkrankungen und Herzinsuffizienz eine signifikante Reduktion der Krankenhausaufenthalte.“

2018 waren das allein bei Patienten mit Herzinsuffizienz fast 3.000 weniger als in der Regelversorgung. Die HZV stehe somit insgesamt für eine umfassend bessere Versorgungssteuerung mit relevanten Patientenvorteilen, die mit zunehmendem Zeitverlauf und in Kombination mit den Facharztverträgen sogar noch verstärkt ausgeprägt seien, so Gerlach.

Verbindliche Steuerungsinstrumente
Die bessere Versorgungssteuerung resultiert aus sich gegenseitig fördernden Steuerungsinstrumenten, die im HZV-Vertrag verbindlich angelegt sind – etwa im Bereich der Arzneimitteltherapie, in Bezug auf Arztkontakte oder Krankenhausaufenthalte. Dr. Berthold Dietsche, Chef des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg sagt dazu: „Der HZV-Vertrag der AOK Baden-Württemberg beweist seit dem Start 2008 eindrucksvoll die Vorteile eines freiwilligen Primärarztsystems gegen-über der Regelversorgung. Das funktioniert nur mit vertraglichen Strukturen, die eine verbindliche hausärztliche Koordination als Basis für eine qualitätsbasierte ambulante Versorgung gewährleisten. Es gilt daher die HZV zukünftig nicht nur zu erhalten, sondern mit hoher Priorität weiter auszubauen und für Arzt und Patienten noch attraktiver zu gestalten.“

Dr. Werner Baumgärtner, Vorstandsvorsitzender von MEDI Baden-Württemberg und MEDI GE-NO Deutschland, ergänzt: „Gerade der zunehmenden Zahl chronisch Kranker und multimorbider Patienten sichert die HZV einen qualifizierten Hausarzt vor Ort mit ausreichend Zeit für seine Patienten. Dazu bedarf es Verträge auf Vollversorgungsbasis mit adäquater Vergütung. Leider signalisiert die Politik mit dem GPVG wieder, dass sie kleinteilige Lösungen bevorzugt, die kaum Vorteile, sondern eher noch mehr Bürokratie für die Praxen bedeuten. Stattdessen müssten auch Vollversorgungsverträge für Fachärzte gefördert werden.“

Kritik an der Finanzautonomie der Kassen
Die AOK Baden-Württemberg kritisiert wie andere Krankenkassen auch, dass die Bundesregierung die Finanzautonomie der Krankenkassen untergräbt, um das Milliardendefizit im Gesundheitswesen auszugleichen. Damit werde es der AOK sehr schwer gemacht, die notwendigen Investitionen für neue Projekte zur Versorgungsverbesserung aufzubringen. AOK-Chef Johannes Bauernfeind erklärt dazu: „Für die HZV ist eine bessere Versorgung wiederholt empirisch belegt – und zwar bei niedrigeren Ausgaben. Auch für die Facharztverträge, etwa im Bereich Kardiologie, wurden überzeugende Evaluationsergebnisse vorgelegt. Obwohl wir Ende 2021 vor großen finanziellen Herausforderungen stehen werden, setzen wir gemeinsam mit den ärztlichen Vertragspartnern auf eine Fortsetzung dieser einmaligen Erfolgsgeschichte. Aber es wird schwerer, neue gute Ideen umzusetzen. Dabei sind diese für uns so wichtig.“

Publikation der Universitäten zur Evaluation der HZV in Baden-Württemberg – Ausgabe 2020.

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