Physician Assistant: eine neue Perspektive für MFA

Die neuen Arztassistentinnen und -assistenten, kurz PA, dürfen einige Aufgaben übernehmen, die bisher Medizinern vorbehalten waren. In Kliniken sind die PA längst angekommen und auch im Baiersbronner MEDI-MVZ startete jetzt die erste MFA durch.

Vanessa Billing hat am 1. Oktober mit dem Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Karlsruhe (DHBW) begonnen. Seit Juli 2018 ist sie MFA und arbeitet bei den „Hausärzten am Spritzenhaus“. Bisher übernimmt sie die typischen MFA-Tätigkeiten an der Anmeldung, im Labor und als Springer. Jetzt will sie studieren.

Die MFA freut sich auf die nächsten Jahre im Studium, will Neues lernen und sich für anspruchsvolle Tätigkeiten qualifizieren. Natürlich stellt der Arzt weiter die Diagnose und entscheidet über die Therapie. Aber er kann ärztliche Routinetätigkeiten delegieren, etwa eine strukturierte Voranamnese, schriftliche und/oder fotografische Befunddokumentation oder strukturierte Untersuchung von Patienten.

Studium
Der Bachelorstudiengang „Physician Assistant – Arztassistent“ in Karlsruhe dauert sechs Semester und ist als duales Vollzeitstudium angelegt. Das bedeutet, Lehrveranstaltungen an der Hochschule und Praxisphasen in einer Einrichtung des Gesundheitswesens wechseln sich im Dreimonateturnus ab.

Als Zulassungsvoraussetzung braucht man erstens eine Hochschulzugangsberechtigung, also Abitur oder die Fachhochschulreife in Verbindung mit einer bestandenen Eignungsprüfung an der DHBW. Für besonders qualifizierte Berufstätige gibt es auch ohne diese Abschlüsse eine Zulassung nach dem Landeshochschulgesetz. Zweitens benötigt man einen Abschluss in einem dreijährigen Gesundheitsfachberuf (zum Beispiel MFA) und drittens ist es notwendig, einen Ausbildungsvertrag mit einer Klinik nachzuweisen – normalerweise.

Im Fall von Vanessa Billing ist es anders, sie hat einen Vertrag mit Dr. Wolfgang von Meißner aus der Hausarztpraxis „Hausärzte am Spritzenhaus“. Da eine Praxis allerdings nicht den kompletten Lehrplan abdeckt, schnuppert sie im Rahmen des dualen Studiums auch acht Wochen Krankenhausluft: Vier Wochen Chirurgie und vier Wochen Intensivstation wird sie im Krankenhaus in Freudenstadt absolvieren.

Die Sicht der Hochschulen
Prof. Dr. med. Peter Heistermann ist seit 2016 Professor an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf und seit 2018 Vorsitzender des Deutschen Hochschulverbandes Physician Assistant e.V. (DHPA). Die Vorteile sind für ihn nicht nur die Entlastung von Ärzten für originär ärztliche Tätigkeiten, er sieht auch positive Effekte für Patientenorientierung und Patientensicherheit. Nicht zuletzt hat er die Sicherstellung der medizinischen Versorgung in Mangelgebieten in Kooperation mit Niedergelassenen im Blick.

Heistermann ist überzeugt, dass der PA sich in den nächsten Jahren auch in Deutschland zu einem hoch begehrten, attraktiven Arbeitsbereich für viele medizininteressierte junge Menschen entwickeln wird: „Ein Beruf, der unterhalb des zeitlichen und finanziellen Aufwands für ein Medizinstudium angesiedelt ist – und nicht nur als Weiterbildungsstudium für Gesundheitsberufe.“ Er erwartet eine hohe Nachfrage in allen Sektoren des Gesundheitssystems, auch aus Bereichen wie Forschung, Industrie, Information und Beratung. „Der PA ist überall einsetzbar, wo medizinische Kompetenz gefragt, aber keine ärztliche Berufserlaubnis notwendig ist“, lautet sein Resümee.

Heistermann sieht lediglich zwei Probleme, die einer Umsetzung im ambulanten Sektor aktuell im Weg stehen: Einerseits befürchten viele Ärzte Haftungsprobleme, wenn sie die delegationsfähigen Leistungen ausdehnen. Er gibt jedoch zu bedenken, dass sich das Risiko für den Arzt mit steigendem Mitarbeiterausbildungsniveau im Gegenteil verringert.

Als zweites Problem nennt er das Fehlen einer passenden Honorierung. Er ist überzeugt, dass sich PA für niedergelassene Ärzte bisher in erster Linie in größeren Praxen oder MVZs rentierlich einsetzen lassen.

Noch gibt es in Deutschland nur relativ wenige PA, doch in den nächsten Jahren wird die Zahl vermutlich steigen. Neue Studiengänge werden aufgelegt und Kliniken schalten längst Stellenanzeigen, in denen sie PA-Studenten suchen: Pflegekräfte mit Abitur oder Fachabitur, die ein duales Studium in der Klinik anstreben. Die Klinik übernimmt Studiengebühren und Reisekosten, außerdem gibt es für die Dauer des Studiums eine Ausbildungsvergütung.

Welche Aufgaben können PA übernehmen?
Was konkret delegationsfähig ist, entscheidet der Arzt je nach individueller Mitarbeiterqualifikation. In Kliniken bereiten PA zum Beispiel auch Operationen vor und assistieren dabei oder führen selbstständig kleinere Eingriffe durch. Und in der Praxis? Der Leitfaden von KBV und BÄK nennt beispielsweise die Mitwirkung bei der Erstellung von Diagnose und Behandlungsplan oder bei komplexen Untersuchungen, Eingriffen und Notfallbehandlungen.

Heistermann sieht konkrete Arbeitsmöglichkeiten im ambulanten Sektor. Er erwartet beispielsweise eine Zentralisation der telefonischen Notfallannahme mit der Notwendigkeit einer hohen medizinischen Fachkompetenz für die erste Triage-Stufe, um die anrufenden Patienten den korrekten Behandlungspfaden zuzuordnen. Arbeitsfelder sieht er auch bei den zunehmend älteren chronisch kranken Patienten, denen eine Orientierung in den hochkomplexen Versorgungsstrukturen schwerfällt. Die PA könnten hier sowohl medizinische als auch organisatorische Lotsenfunktionen wahrnehmen.

Ruth Auschra

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